Carmen Soledad Chapetón Tancara
ist der vollständige Name der Bürgermeisterin von El Alto, sie ist aber als „La
Sole“ bekannt. Am 25. Oktober wurde sie 37 Jahre alt und ist damit eine der
jüngsten Politikerinnen am Kopf einer Stadtverwaltung in Bolivien. „La Sole“
gewann 2015 die Gemeindewahlen in ihrer Heimatstadt El Alto und ist seitdem die
erste Bürgermeisterin von einer der größten Städten Boliviens. El Alto ist auch
eine Stadt in der nicht nur die sozialen Bewegungen besonders mächtig und
protestierend sind, sondern auch eine wachsende Großstadt voller Bedürfnisse
und Forderungen aller Art. Ihre politische Herausforderung ist deswegen
auffällig und sehr, sehr groß.
Soledad Chapetón ist besonders stolz auf ihre Eltern.
Luis Chapetón (Vater) und Dalila Tancara (Mutter), beide Aymara-Immigranten
verließen ihre Heimatdörfer in den Provinzen Camacho und Pacajes auf dem
bolivianischen Hochland, um ein besseres Leben für ihre Kinder in der Stadt zu
schaffen. Sie zogen deshalb nach El Alto um. Soledad ist die jüngste Tochter
von den sechs Kindern, die die Familie Chapetón Tancara hatte. Zwei von ihnen
starben aber in jungem Alter. Die kleine Soledad besuchte in El Alto drei staatliche
Schulen. Ihren Schulabschluss bekam sie 1997 an der Schule Bolivia. Dank der
Bemühungen ihrer Eltern, studierte sie Erziehungswissenschaft an der
Universidad Mayor de San Andrés. 2004 fing sie ihre politische Beteiligung bei
der Unidad Nacional-Partei (UN) und ist seit 2015 Bürgermeisterin von El Alto.
Das Monatsblatt hatte die Möglichkeit, ein exklusives
Interview mit „La Sole“ durchzuführen.
Seit wann und wie haben Sie sich
für die Politik interessiert?
![]() |
Soledad de pequeña en los brazos de su madre. |
Ich denke, dass es eine Bürgernatur ist, wenn z.B.
Wahlen auf irgendeinem Niveau anstehen, sollte man beginnen sich zu
informieren, um zu sehen, welche politische Option man wählen wird. Als ich
2004 noch Studentin war, interessierte es mich zu erfahren, welcher Kandidat
und welche Partei den besten Vorschlag, die beste Option für das Land hatte,
weil es sich um nationale Wahlen handelte. Auf dem Weg nach Hause fand ich also
ein Büro der Unidad Nacional (UN), und ich erschien da, um nach dem
Vorschlagsdokument des damaligen Kandidaten Samuel Doria Medina zu suchen. Ich
war mit dem Inhalt des UN-Vorschlages von Anfang an einverstanden, und das war
auch der Grund meiner Sympathie für diese Partei.
Haben Sie damals auch andere
politischen Vorschläge gesucht oder kennengelernt?
Ja, ich hatte auch andere politische Vorschläge
gelesen. Ich war damals Studentin und als Studentin hatte ich den Zugang zu
diesen Informationen. Aber der Vorschlag von UN überzeugte mich am meisten.
Warum hat der Vorschlag von UN
Sie überzeugt?
Vor allem hat mich der Inhalt des politischen
Vorschlages überzeugt. Es ging um die Wertschätzung der Bürger und ihre
Produktivität, es ging um die Bedeutung der Familien, die durch die fehlenden
Beschäftigungsmöglichkeiten zusammengebrochen waren und ich hatte einen Bruder,
der im Ausland lebte, ich habe immer noch andere Verwandte, die in anderen
Ländern leben. Da ich selbst genauso wie viele andere Freunde diese
Familiensituation durchmachte, konnte ich mich mit diesem Aspekt des Vorschlags
identifizieren. Es war die einzige politische Partei, die von der Wertschätzung
dieses Humankapitals sprach. Keine Regierung bisher war in der Lage, so viele
wertvolle Menschen zu schätzen: sie ließen diese einfach weggehen. Aus diesem Grund
fingen die Familien an, sich aufzulösen.
Stellten Sie sich damals (2004)
vor, dass sie Bürgermeisterin von El Alto werden könnte?
Nein. Erst nach den Wahlen 2004 entschied ich mich,
als aktives Parteimitglied von UN zu arbeiten. Und 2006 wurde ich eingeladen,
Teil des UN-Teams von Fachleuten zu werden, und es war auch die Zeit, in der
ich als Vertreterin eines Wahlkreises von El Alto als Kandidatin für die
konstituierende Versammlung eingeladen wurde. Es war eine Überraschung und es
war keine leichte Entscheidung, es war sehr schwierig eine solche Kandidatur zu
akzeptieren. Die Unterstützung meiner Familie war von grundlegender Bedeutung,
zumindest in meinem Fall war meine Mutter diejenige, die mir diesen Anstoß gab,
um diese Kandidatur anzutreten. Das bedeutete und bedeutet bis heute eine
komplette und eine sehr große Lebensänderung.
Sie haben 2010 den zweiten Platz
in den Gemeindewahlen erreicht und 2015 den ersten. Auf was führen Sie diesen
Erfolg in El Alto zurück?
Nachdem ich 2006 als Abgeordnete an der
konstituierenden Versammlung teilnehmen durfte, konnte ich feststellen, dass
man seine Gesellschaft durch die Politik verändern kann. Der Grund meiner
politischen Beteiligung war immer meine Heimatstadt und der Wunsch, diese zu repräsentieren
und für sie zu arbeiten.
Als ich 2010 berufen wurde, als Kandidatin für die
Gemeindewahlen aufzutreten, war es offensichtlich eine größere Herausforderung
als die im Wahlkreis. Es war eine repräsentative Aufgabe mit mehr
Entscheidungsbefugnis. Nach den Wahlen aber war es ein wenig frustrierend die
Ergebnisse zu akzeptieren, weil man am Ende einer so intensiven politischen
Kampagne viele Anhänger und Leute, die an einen glauben, gewonnen hat. Um
dieses Vertrauen zu würdigen, gründete ich die soziale Initiative namens „La
casa de los alteños“. Diese Initiative hat mir in gewisser Weise - persönlich
und auch parteilich - geholfen, das in den Wahlen gewonnene Vertrauen
wiederherzustellen. Für „La casa de los alteños“ haben wir eine Gruppe von Fachleuten
anwerben können, die ehrenamtlich gearbeitet haben. Zusammen haben wir fünf
Jahre lang nicht nur soziale Projekte in El Alto durchgeführt, sondern auch
freiwillige Arbeit in verschiedenen Bereichen geleistet. Diese Arbeit hat es
uns auch ermöglicht, einen Medienraum zu eröffnen: so hatten wir ein Radio- und
ein Fernsehprogramm und konnten dadurch viele Menschen in El Alto ansprechen
sowie die Identität unserer Stadt stärken.
Sie sind die erste
Bürgermeisterin von El Alto und mussten von Anfang an gegen den Machismo der
traditionellen männlichen kommunalen Behörden kämpfen. Ist die Lage jetzt
anders geworden?
Ja, es war hart. Ein Teil der Schwierigkeit ist auf
das Misstrauen einer Stadt zurückzuführen, die durch die Migration der
Provinzen konsolidiert wurde. Da spielte auch die traditionelle männliche
Identität der kommunalen Behörden in El Alto eine bedeutende Rolle. 95% der
Anführer sozialer Bewegung in El Alto sind immer noch männlich. Wir können auch
nicht vergessen, dass wir in der traditionellen politischen Hochburg der
aktuell regierenden Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) gewonnen haben und sie
hatten einen anderen Kandidaten auf Gemeindeebene für El Alto. So habe ich 2015
während eines von den kommunalen Behörden organisierten Streiks meine Arbeit im
Bürgermeisteramt von El Alto begonnen. Ich weiß nicht, ob es das erste Mal war,
dass die stärksten sozialen Organisationen in El Alto mit ihrem Versuch, einen
Streik auszurufen, scheiterten, weil die Bürgerinnen und Bürger dem Aufruf
nicht folgen wollten. Man muss doch die demokratische Entscheidung des Volkes
respektieren und vor allem die Entscheidung, über eine neue Gemeindeverwaltung.
Das sind zum Teil die Erfolge, die uns heutzutage ermöglichen zu behaupten,
dass wir vorankommen. Wir wollen eine Institutionalisierung im Bürgermeisteramt
bilden und aufbauen und wir mussten von Anfang an gegen individualistische und
Parteiinteresse kämpfen, die die Entwicklung von El Alto verhinderten. Es gab
Günstlingswirtschaft aller Art in unserer Gemeinde und keiner arbeitet hier, um
seine eigentlichen Aufgaben zu erledigen, sondern für das Interesse von verschiedenen
sozialen Bewegungen und Organisationen. Kein gemeindliches Projekt wurde hier
durchgeführt. Es gab eine „bürgerliche-politische Einigung“ in
Anführungszeichen die das Wachstum von El Alto abhielt. Wir konnten bis jetzt
all das überwinden. Und ich denke, dass alle Versuche von diesen sozialen
Bewegungen und Organisationen, in der Zeit zurückzugehen, am vergangenen 17.
Februar 2016 mit der Brandattacke von Demonstranten auf das Rathaus, bei der
sechs unserer Mitarbeiter starben, beendet wurden.
Wie sehen Sie die aktuelle
weibliche politische Führung in El Alto und in Bolivien?
Ich denke, dass wir in diesem Bereich vorankommen. Wir
dürfen nicht vergessen, dass die erste „mujer de pollera“ die Parlamentarierin
wurde, Remedios Loza war. Ihre damalige politische Partei namens CONDEPA
(Conciencia de Patria) zeigte mit ihrer politischen Beteiligung, dass die
Frauen Teil der politischen Pluralität sind.
Bei der aktuellen politischen Verfassung und der
Neugründung des Landes durch den Plurinationalen Staat Bolivien konnte man auch
eine gewisse Geschlechterparität in der Politik erreichen und ist den vielen
Frauenkollektiven zu verdanken, die schon an der konstituierenden Versammlung
teilgenommen haben. So haben die Frauen bist jetzt eine bestimmte
Teilnehmerzahl in der Politik erreicht, aber man muss noch hart an der
effektiven Beteiligung und Entscheidungsfindung der Frauen arbeiten. An vielen
Orten und in vielen Szenarien sieht man noch, dass diejenigen, die weiterhin
Entscheidungen treffen, Männer sind, während die Frauen nach wie vor diejenigen
sind, die sich an diese Entscheidungen halten müssen. Diese Beteiligung muss
wirkungsvoller gestaltet werden.
Sie konnten aber solche wirksame
Beteiligung in El Alto erreichen.
Das war die Entscheidung des Volkes durch seine
demokratische Stimme. UN hat als politische Partei unsere Kandidatur nicht auf
der Tatsache gestützt, dass die Kandidatin eine Frau war, weil ich als
Feministin davon überzeugt bin, dass sowohl die Männer als auch die Frauen die
gleichen Fähigkeiten haben. Und zum Thema wirksame Beteiligung hat das
Förderzentrum für die Frauen Gregoria Apaza (Centro de Promoción de la Mujer
Gregoria Apaza) uns neulich berichtet, dass 51% des Personals vom
Bürgermeisteramt von El Alto Frauen sind. Wir arbeiten hier nicht nur mit
männlichen Subalcaldes, sondern auch mit Subalcaldesas.
Allmählich konnten wir auch hier in El Alto ein Gleichgewicht zwischen Frauen
und Männer in der Gemeindeverwaltung erreichen.
Wie sehen Sie Ihre politische
Karriere in zehn Jahren?
Diese Frage ist für mich schwierig zu beantworten. In
diesen zweieinhalb Jahren, die ich als Bürgermeisterin arbeite, musste ich
viele Situationen erleben, die ich nie zuvor erlebt hatte. Am vergangenen 17.
Februar 2016 verlor ich durch eine sehr feige und kriminelle Aktion viele
Mitarbeiter im Rathaus. Ich habe auch plötzlich meinen Vater verloren und
obwohl viele Personen mir gezeigt haben, dass der Mensch Wünsche, Ziele und
Pläne haben sollte, weiß man auch, dass unser Leben und unser Schicksal nicht
unbedingt in unseren Händen liegen. Ich habe dennoch ein Lebensziel und das ist
die Verpflichtung, die ich gegenüber meiner Heimatstadt habe und dies ist auch
der Grund meiner politischen Beteiligung.
Ich bin eine stolze Tochter von Immigranten, ich bin
die jüngste Schwester von sechs Geschwistern, von denen zwei gestorben sind.
Ich sehe auch wie die Bürgerinnen und Bürger sich bemühen, ein besseres Leben
zu erreichen und ich sehe auch, dass sie eine institutionelle Begleitung
brauchen. Vielen von uns besuchten staatliche Schulen und Universitäten und wir
wissen, dass, wenn der Staat einem die Möglichkeit zum Studium gibt, diese Möglichkeit
zurückgegeben werden muss, damit die Gesellschaft gut leben kann, so wie es in
der Verfassung steht. Und für mich ist die Arbeit als Bürgermeisterin ein
Dienst an der Gemeinschaft.
Wenn Gott und auch das Volk es mir erlauben mein
fünfjähriges Amt zu beenden, dann werde ich immer noch daran arbeiten, der
Stadt El Alto eine Institutionalisierung und weiterhin Ordnung zu geben. Unsere
Priorität ist die bürgerliche Sicherheit und auch in diesem Bereich haben wir
Fortschritte gemacht. Bei unserer Teilnahme an dem 6. Nationaltreffen über
bürgerliche Sicherheit wurde der Gemeinde El Alto seitens des
Regierungsministeriums für unsere Arbeit an der Sanierung öffentlicher Räume
und Maßnahmen im Rahmen der Prävention gratuliert. Wir haben auch zahlreiche
innovative Maßnahmen festgelegt, damit z.B. die häufigen Folklore-Umzüge den
normalen Alltag der Stadt nicht erschweren.
Die Entscheidungsfindung des Bürgermeisteramtes kostet
uns manchmal sehr viel Mühe, aber trotz aller Schwierigkeiten sind wir sehr
stolz auf diese Stadt und ihre starke soziale Bildung. Aber wir sind auf dem
richtigen Weg und wir werden in der Lage sein, den Wandel der Stadt
weiterzuführen.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Verbringen Sie Zeit mit Ihrer Familie?
Ich habe gelernt, meine Zeit zu organisieren. Durch
meine Arbeit als Bürgermeisterin habe ich auch viel Zeit mit meiner Familie
geopfert. Aber ich sehe es als einen Vorteil, dass ich mich zu 100% Prozent
meiner Tätigkeit hingeben kann. Aber wenn es eine Chance gibt, sich ein wenig
von der Verantwortung zu befreien, dann verbringe ich diese Zeit natürlich mit
meiner Familie. Und in meiner Freizeit schaue ich gerne Filme, das entspannt
mich auch. Ich mag alles, von Horrorfilmen über Dramen bis hin zu Kinderfilmen;
ich habe keine bestimmte Vorliebe. Filme zu sehen hilft mir dabei, alles von
außen zu vergessen und meine Ideen zu klären.
Vielen herzlichen Dank für das
Interview!
Das
Interview führte:
Ana
Rosa López Villegas
___
Entrevista
publicada en la revista trimestral Monatsblatt del Centro Cultural Alemán (No.
4 - 2017)
Interessant, vielen dank!
ResponderBorrar